Ein Erlebnis der dritten Art in einer radiologischen Praxis in Stadthagen

Eines steht fest: Dieses Erlebnis wird Folgen haben. Für mich, aber vielleicht auch für die Inhaber der bewussten Praxis. Denn ich werde parallel eine Beschwerde bei der niedersächsischen Ärztekammer einreichen.

Die Überschrift ist ketzerisch. Der hippokratische Eid hat heute nur noch geschichtliche Bedeutung und ist rechtlich nicht verbindlich. Er wurde abgelöst durch das Genfer Ärztegelöbnis. Aber auch dieses wird von keinem deutschen Arzt/Ärztin abgelegt, hat keine rechtliche Bedeutung und wird somit zu einer Floskel degradiert.

Der Kern des hippokratischen Eides als auch des Genfer Ärztegelöbnisses ist die ärztliche Ethik.

[blockquote source=”Beginn der Formel des Genfer Ärztegelöbnisses”]”Bei meiner Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand gelobe ich feierlich: mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. … “[/blockquote]

Das Gelöbnis in seiner gesamten Brisanz und Ethik gilt aus meiner sehr persönlichen Erfahrung heraus heute allenfalls noch für wenige Vertreter dieser Zunft. Gerade Spezialarzt-Praxen mutieren zu Gelddruckmaschinen, in denen oft bereits beim Betreten der Praxis große Hinweistafeln auf unzählige IGeL (= Individuelle Gesundheitsleistungen) hinweisen. Kaum ein Kassenpatient verlässt die Praxis ohne um einige Euros ärmer zu sein, denn: Es wird bar bezahlt! IGeL soll hier jedoch heute kein Thema sein, denn IGeL ist legal und kann vom Patienten ja auch abgelehnt werden.

In der bewussten radiologischen Arztpraxis geht es indes um weitaus brisantere Dinge:

  • Fehlende Privatsphäre
  • Fehlendes Patientengeheimnis
  • Fehlende Aufklärung vor Untersuchung
  • Patientenfragebogen
  • Kein Kontakt zum Arzt oder zur Ärztin
  • Wie alt sind die Geräte und wie oft werden sie gewartet?

Die oben genannten Punkte und Vermutungen werden Basis für meine Beschwerde sein. Die folgende Geschichte ist mein ganz persönliches “Erlebnis der dritten Art”, das, wie ich inzwischen sicher weiß, aber wohl nicht nur ich als bizarr wahrgenommen habe. In meiner geschlossenen Facebook-Gruppe “Wer hat seine Kindheit in Stadthagen verbracht” habe ich eine kleine Frage gestellt und inzwischen mehr als 50 Privatnachrichten bekommen. Ich kann wirklich sagen: Schon beim Lesen stehen mir die Haare zu Berge!

Der Termin: Montag, 2.3.2015, 7:30 Uhr

Ich erreiche die Praxis pünktlich. Mit dem Parken habe ich aufgrund der recht frühen Stunde Glück, denn es gibt keine Patientenparkplätze und die wenigen Parkplätze an der belebten Straße sind begehrt. Nach Betreten der museal eingerichteten und schmuddeligen Praxis steht man sofort mitten im Patientenflur. Ein Wartezimmer gibt es nicht. Das Wartezimmer besteht aus eben jenem langen, schmalen Flur, der einen noch schmaleren kurzen Abzweig hat. Der Abzweig ist ca. 1m breit; die dortigen Patienten verharren in merkwürdig verkrampfter Körperhaltung eng an eng. Die Wartekonstruktion sieht aus wie ein Zwölffingerdarm und die Menschen sind die Geschwüre…, denke ich so bei mir (aber das nur am Rande).

Anmeldetresen im Warteschlauch

Die Anmeldung befindet sich am Ende des Warteschlauches. Die Arzthelferin wirkt schon um diese frühe Stunde genervt, abgespannt und überfordert mit den eingehenden Telefonaten und den Aufnahmeformalitäten für die Patienten. Die wartenden Patienten hören interessiert mit, was besprochen wird, denn sie sitzen ja “mittendrin”. Auf dem Tresen steht ein Hinweisschild, dass Telefonate 50 Cent kosten. Auch schön!

Nach mehreren Unterbrechungen durch Telefonate erhalte ich meinen Patientenfragebogen. Er enthält die üblichen Fragen: Persönliche Daten, Vorerkrankungen etc.. Unten rechts ein anzukreuzender Passus über das erfolgte Aufklärungsgespräch vor der Behandlung (bei mir ein Abdomen-CT). Ich kreuze das nicht an, denn es gab ja bis jetzt kein Aufklärungsgespräch, unterschreibe den Rest und gebe den Fragebogen wieder an der Anmeldung ab. Vor Abgabe fotografiere ich den Fragebogen. Der Fragebogen wird im weiteren Verlauf des Praxisaufenthalts keine Rolle mehr spielen.

Die Wartezeit

Ich bekomme einen Becher mit einem halben Liter einer klaren Flüssigkeit, die etwas nach Lakritz schmeckt mit der kurzen Anweisung: “Bitte trinken!” Während ich trinke, informiere ich mich online via Smartphone darüber, was ich denn da trinke und was mir bei der Untersuchung bevorsteht, welche Strahlenbelastung mich erwartet usw.. Denn ich ahne bereits jetzt: Hier werde ich definitiv nicht aufgeklärt!

Da viele Menschen im Wartebereich zum Teil stark erkältet sind und ich mich nicht anstecken möchte, habe ich mir einen der wenigen Einzelstühle zwischen zwei Türen ergattert. Ich bin auch nicht der Typ Mensch, der gerne Schulter an Schulter neben fremden Menschen sitzt. Das, was hinter den Türen mit den Patienten, deren Namen ich ja durch den lauten Aufruf kenne, besprochen wird, kann ich ohne Probleme und ohne die Ohren spitzen zu müssen, verstehen. Es handelt sich um kurze Anamnese-Gespräche, die durch eine Arzthelferin im Stehen inmitten eines Röntgenraumes durchgeführt werden. Mir geht es kurze Zeit später nämlich genauso. Ich flüstere und werde aufgefordert, etwas lauter zu sprechen. Wahrscheinlich deshalb, damit die Patienten im Warteschlauch auch etwas davon haben…

Zwei weitere Erlebnisse, die ich während der Wartezeit erlebe und die mich fassungslos machen:

  • Eine sehr gebrechliche alte Dame quält sich durch den Warteschlauch nach vorne zur Anmeldung. Sie hat einen Termin, aber sie hat ihre Krankenversicherungskarte vergessen. Die genervte Arzthelferin zickt rum und keift die arme Frau an, dass sie die Daten ohne Karte nicht einlesen und ohne die Karte keine Untersuchung stattfinden könne. Die Dame ist verzweifelt. Keinerlei Entgegenkommen oder Hilfsangebot seitens der Arzthelferin, z.B. Verwandten oder Taxi anrufen, halt irgend etwas! Die Dame quält sich also wieder nach Hause, um ihre Karte zu holen. Als ich gegen 11 Uhr die Praxis verlasse, kommt sie gerade zurück. (Ich bin im Nachhinein sehr ärgerlich auf mich, dass ich verharrt und nicht geholfen habe. Ich schäme mich aufrichtig.)
  • Zwei Männer betreten die Praxis und gehen nach vorne. Einer der Beiden spricht kaum Deutsch, der andere Mann fungiert als Dolmetscher. Der Patient hat offensichtlich starke Schmerzen. Auch diese Beiden werden barsch und genervt wieder weggeschickt, da sie keine Überweisung haben. Sie kommen später mit einer Überweisung wieder und werden unfreundlich bedient und in den seitlichen Warteschlauch geschickt.

Die CT-Untersuchung

Es ist 8:45 Uhr und ich werde aufgerufen. Ich bin inzwischen völlig durchgefroren, denn es ist SAUKALT in der Praxis. Da die Außentür ständig auf und zu geht und Menschen rein- und rausströmen, kann es ja auch gar nicht durchwärmen. Eine Heizung sehe ich aber auch nicht. Vielleicht verzichtet man auch ganz darauf, den Wartebereich zu heizen. Lohnt sich ja auch nicht…

Durch den seitlichen Warteschlauch stolpere ich über Beine und Füße hinweg in den Vorraum des CT-Untersuchungsraumes. “Ziehen Sie sich aus und trinken Sie diesen Becher aus.” Noch einmal ein halber Liter der Lakritzflüssigkeit. Ich frage vorsichtig, ob ich wenigstens die Strümpfe anlassen darf, denn ich zittere inzwischen wie Espenlaub. “Ja, montags ist es immer kalt hier. Die Strümpfe können Sie anlassen.”

Im CT-Raum ist es gefühlt noch kälter. Das CT (Computertomographie) sieht wider Erwarten modern aus. Allerdings sehe ich kein Wartungszertifikat an der Wand oder am Gerät. Aus anderen Praxen kenne ich das so. “Legen Sie sich auf den Schlitten und legen Sie die Arme über den Kopf nach hinten.” Die Arzthelferin geht raus. Ich tue, wie mir befohlen wurde und versuche, mein Kältezittern zu unterdrücken.

Die Gantry (das ist der Ringtunnel, über den die Aufnahmen gemacht werden) startet. Eine Computerstimme sagt mir, was zu tun ist: “Einatmen und den Atem anhalten. Weiteratmen. Einatmen und den Atem anhalten. …”

Das ganze Prozedere dauert 5 bis 10 Minuten. Mir wird gesagt, dass ich mich wieder anziehen kann und nochmals im Wartebereich Platz nehmen soll.

Kein Arztgespräch – nur eine CD

Nach rund 40 Minuten werde ich aufgerufen. Mir wird eine CD in die Hand gedrückt. “Der Befund geht an Ihren überweisenden Arzt.”

Und tschüss!

Ehrlich gesagt: Sehr oft musste ich zum Glück in meinem Leben noch nicht zu einer Untersuchung in eine radiologische Praxis. Ich kenne nur zwei große Praxen in Minden. Selbstverständlich dort ist eine freundliche, aufklärende, offene Atmosphäre und auch, dass nach der Untersuchung der Arzt oder die Ärztin kurz einen Blick auf die Aufnahmen wirft und erklärt, was zu sehen oder eben nicht zu sehen ist. Man geht dort nicht weg, ohne wenigstens ansatzweise zu wissen, was mit einem los ist.

Fazit

Wer selbst Erfahrungen mit dieser Praxis gemacht hat, schreibe gerne einen Kommentar oder eine E-Mail an mich. Alternativ oder ergänzend kann die Praxis auch u.a. auf der Plattform SANEGO bewertet werden.

Diese Praxis wird mich als Patientin nicht mehr wiedersehen. Geprüft werden muss noch, ob dort auch rechtlich Einiges im Argen ist. Aufgrund der Unschuldsvermutung “In dubio pro reo” (lat. „Im Zweifel für den Angeklagten“) muss dieser Artikel aber vorerst an dieser Stelle enden.

 

Über den/die AutorIn

Kerstin Thieler

Kerstin Thieler lernte nach dem Abitur zunächst etwas Solides und machte eine Banklehre. Nach weiteren Stationen im kaufmännischen Bereich, die nie ihr Ding waren, studierte sie Wirtschaftsinformatik an der FernUni Hagen, um Familie und Studium unter einen Hut zu bringen. 2002 gründete sie die zunächst inhabergeführte Full-Service-Internetagentur double or nothing. Seit 2021 ist sie operierende Geschäftsführerin der double or nothing GmbH, die sie zusammen mit Steffen Schiffel leitet. double or nothing beschäftigt sich mit der Projektierung und dem Aufbau von Websites und Online-Shops sowie allem Facetten des Online-Marketings. Die Liebe zur Musik und Literatur begleiten ihr Leben von frühester Kindheit an. Darüber hinaus engagiert sie sich seit vielen Jahren für diverse soziale Projekte und Organisationen und ist Vorstandsmitglied des gemeinnützigen Vereins ZePGiS e.V. - Zentrum für psycho-soziale Gesundheit in Schaumburg. Schon 2014 bereiteten ihr die massiven Veränderungen in der Gesellschaft – global, aber auch in Deutschland – zunehmend Bauchschmerzen. Es bedurfte eines Ventils – des ÜBERDRUCKVENTILS.

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